DEUTSCHER TURNER-BUND
Ulla Koch macht Weg frei: Rücktritt mit Signalwirkung

Es ist ein Rücktritt mit Bedacht – und mit Bedeutung. Ulla Koch, einst prägende Figur des deutschen Frauenturnens, legt ihr Amt als Vizepräsidentin des Deutschen Turner-Bundes (DTB) nieder. Die Entscheidung folgt auf eine Phase des Schweigens und Abwägens: Bereits seit Januar ruhte ihr Amt, nachdem schwere Vorwürfe zu psychischer und physischer Gewalt an Bundesstützpunkten an die Öffentlichkeit kamen. Auch Kochs eigenes Wirken geriet dabei immer wieder in die Diskussion. Nun macht die 69-Jährige endgültig Schluss. «Nach reiflicher Überlegung» wolle sie ihren Posten abgeben, um zu verhindern, dass ihre Verantwortungsbereiche weiterhin ohne klare Führung verwaltet werden müssten, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes vom Mittwoch.

Schadensbegrenzung für einen neuen Frühling: Ulla Koch räumte Anfang April ihren Posten als Vizepräsidentin Spitzensport bei Deutschen Turn-Bund.
Eine Ära des Erfolgs – und der Kritik

Koch hat den deutschen Turnsport über Jahrzehnte geprägt. Von 2005 bis 2021 war sie Cheftrainerin der deutschen Turnerinnen, führte das Team zu Erfolgen, trieb strukturelle Entwicklungen voran. Ihre sportlichen Verdienste sind unbestritten. Der DTB selbst hatte noch im Januar betont, dass Koch «einen bedeutenden Aufschwung im Frauen-Turnen bewirkt» habe – mit Blick auf Leistung, aber auch auf die Persönlichkeitsentwicklung der Athletinnen.

Doch der Sport verändert sich. Und mit ihm das Bewusstsein für Machtstrukturen, für Verantwortung, für die Grenzen des Zumutbaren. Seit Monaten erheben Turnerinnen schwere Vorwürfe gegen das System, das sie geprägt hat. An den Bundesstützpunkten in Stuttgart und Mannheim hätten über Jahre Missstände geherrscht, von psychischem Druck bis hin zu übergriffigen Trainingsmethoden. Die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg ermitteln. Auch Koch selbst wurde von ehemaligen Athletinnen kritisiert. Ihr wurde vorgeworfen, eine Kultur des extremen Leistungsdrucks mitgetragen zu haben – eine Kultur, in der Demütigungen und Härte als Mittel zum Erfolg galten.

Ein Rücktritt – und viele offene Fragen

Koch hatte in der Vergangenheit betont, ihr Wirken stets reflektiert zu haben. Der DTB sprach in seiner Stellungnahme gar von einem «Wandlungsprozess» im Training, den sie mitgetragen habe. Doch reichte dieser Wandel aus? Oder war er zu spät gekommen?

Ihr Rücktritt könnte nun Raum schaffen – für Aufarbeitung, für Erneuerung, vielleicht auch für eine Neubewertung dessen, was Leistungssport erfordert und wo er Grenzen überschreiten darf. Die Frage bleibt: Reicht das? Ist mit einem personellen Schnitt auch ein systemischer Wandel verbunden? Die kommenden Monate werden zeigen, ob der DTB die Gelegenheit nutzt, nicht nur personelle Konsequenzen zu ziehen, sondern auch strukturelle Reformen anzugehen.

«So kann der Weg für eine Nachfolge frei gemacht werden», erklärte Koch abschließend. Fest steht: Ihr Rücktritt markiert nicht nur das Ende eines langen Weges. Sondern auch den Anfang einer neuen Verantwortung – für diejenigen, die nun nachfolgen.

Eine ganze Sportart geriet in nur wenigen Monaten ins Schlingern: Kam der «Wandlungsprozess» der ehemaligen Bundestrainerin Ulla Koch zu spät?
02. April 2025
von Nils B. Bohl

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